Was macht den Tod so fürchterlich? Wie ein Satzzeichen unterbricht er den Lauf der Lebensgeschichten der Hinterbliebenen. Manche Tode machen einen Punkt, andere werfen Fragen auf, manche setzen einen Absatz oder wirken wie ein Ruf an den, der geblieben ist. Es gibt aber auch gelebte Leben, die die Geschichte eines anderen in einer Art und Weise prägen, die über eine bessere Lesbarkeit durch Interpunktion weit hinausgeht. Plötzlich werden ganze Textpassagen kursiv, Überschriften werden hervorgehoben und die eigene Lebensgeschichte wird durchgeschüttelt wie ein Text bei einem Lektorat. Je weiter weg und unbekannter, desto unbedeutendere Spuren hinterlässt ein Ableben im eigenen Text.
Sollte es anders sein? Sollte jedes Wesen des Todes seiner und der noch-Anwesenden gewahr durchs Leben trauern, bis alle Gewesenen am verwesen sind? Die Endlichkeit belebter Körper ist eine Tatsache. Am Ende schreibt jede Kreatur ihre eigene Geschichte. Eine Kreatur ist schließlich dasjenige, das kreiert, das einordnet, das die Realität schafft, in der sie lebt. Und der eigene Tod? Wenn die Kreatur das kreieren aufgibt und wenn der letzte Atemzug die Brust verlässt, dann ist die eigene Geschichte abgeschlossen. Es gibt Ideen von Wiedergeburt, aber als dieser spezielle Körper in dieser Situation, in diesem Umfeld ist es dennoch endgültig vorbei. Dann bist du tot. Das erstaunliche dabei ist, dass du etwas bist, ja, tot, aber du bist. Dieser Seinszustand bleibt ab diesem Zeitpunkt auf ewig mit dir verwoben. Tot. Das bedeutet, dass du einmal warst. Dass es einen Namen gibt mit einer Geschichte, die gelebt wurde. Die Frage, die sich viele stellen ist: Wie ist es, tot zu sein? Selbst, wenn ich wüsste, wie der Tod für mich ist, wüsste ich nicht, wie er für dich ist. Die Krux an der Sache ist, dass man Zustände erleben muss, um zu wissen, wie-es-ist. Und wie kann man den Tod erleben? Den Tod kann man höchstens ersterben. Ob man dann klüger ist als zuvor? Ist der Körper ein heiliges Werkzeug, das den Kreationen zur Verfügung steht und den Seelen Sinne schenkt? Oder raubt der Körper viele Aspekte der Realität, schränkt die Wahrnehmung ein und erlaubt dadurch im Gegenzug, dass ein Ich erst durch ein Du entstehen kann? Wer bist du? Bist du nicht auch du, da du dieser Körper bist, der du bist? Haben dich nicht seine Eigenschaften auch charakterlich geprägt? Ist diese Erfahrung du zu sein nicht so einzigartig, dass sie durch seine von vorn herein gesetzte Endlichkeit nicht zusätzlich veredelt wird?
Man nennt mich Tödin, ich bin die Gefährtin des Todes. Als formlose Asche kam ich auf die Erde als sie noch glühte. Auch das erste Leben musste vergehen und an seinen Platz gebracht werden, wenn seine Zeit gekommen war. Gemeinsam mit dem Tod betrat ich diese Welt, um diese Aufgabe zur erfüllen. Damals habe ich die Tragweite meiner Beobachtungen nicht verstanden, doch nun beschloss ich, die Geschichte aufzuschreiben, die ich viel zu lange im Geiste mit mir herumtrug.