Von Wert und Wille

Wenn man den Wert einer Wertvorstellung messbar machen möchte, muss man ans Eingemachte gehen, ans Menschenleben. Gibt es etwas Wertvolleres, als das eigene Leben? Offensichtlich ja. Menschen sind für Freiheit in den Krieg gezogen, sie haben sich für ihre Wahrheit verbrennen lassen, für Gerechtigkeit gehungert, für ihre Kinder und Menschen, die sie liebten, sind sie aufgestanden und haben für ein Leben gekämpft, das sie nicht hatten.  Und nun? Wir alle, die wir ein Dach über dem Kopf haben, die wir uns fragen, was wir heute essen wollen, die wir wählen und unsere Meinung äußern dürfen, sind diese Kinder. Doch langsam werden auch wir erwachsen.

 

Und auch wir sehen uns Problemen gegenüber, die mit Werten und Vorstellungen zu tun haben. Ein Beispiel ist die Technik, die sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten enorm entwickelt hat. Der Einsatz von Maschinen im Arbeitsprozess, kostet uns Arbeitsplätze. Nüchtern betrachtet sollte das kein Problem sein, wenn weniger Menschenleistung zu erbringen ist, um den Lebensstandard aller zu halten. Und doch stehen wir einerseits den essentiellen Problemen, wie Hunger, andererseits den strukturellen Problemen, wie Arbeitsplatzmangel gegenüber. Essentielle Probleme lassen sich für jedermann nachvollziehen. Um die strukturellen Probleme als Problem zu verstehen, braucht man ein Verständnis für menschliche Vorstellungen. Denn, dass jemand keine Arbeit hat, ist im Grunde kein Problem. Das Problem besteht darin, dass es keine Rechtfertigung gibt, ihm Geld zu geben und er dadurch nicht in der Lage ist, am wirtschaftlichen Kreislauf mitzuwirken. Dass er Geld nicht „verdient“ und in die „Schuld“ getrieben wird. Die Unabänderbarkeit dieses Mechanismus ist eine Illusion, jedoch eine, die durch ihre vielen Anhänger, Realität ist. Somit kann es sein, dass ein strukturelles Problem, wie Arbeitslosigkeit, in ein essentielles Problem, wie Hunger, umschlägt. Der Schluss: Ohne Geld verhungert man.

 

Doch: Ohne Wasser verdurstet man, ohne Essen verhungert man, ohne Luft erstickt man. Heutzutage werden kategorienübergreifende Schlüsse gezogen, die nichts mehr mit der Realität zu tun haben. Es geht hier um eine Vermischung von natürlichen und sozialen Tatsachen. Eine natürliche Tatsache ist unabänderbar, eine soziale Tatsache unterliegt immer dem Konsens und der Debatte.

 

Willkür ist in Verruf geraten, doch der Wille ist ein zentraler Punkt in unserer Gesellschaft. Nicht umsonst schlägt die Debatte um den freien Willen Wellen. Auch hier könnte ein Kategorienfehler dem Menschen zum Verhängnis werden. Denn die Frage, die gestellt werden muss, ist: frei wovon? Frei von Manipulation? Das ist er sicher nicht; Wahlplakate sprechen unsere Emotionen an, Rhetorik wickelt uns um den Finger, Werbung, die richtige Beleuchtung von Produkten; all das versucht uns, oft erfolgreich, zu manipulieren. Frei vom Hirn? Eine hirnlose Entscheidung als eine freie anzusehen, erscheint absurd, aber genau das wird versucht. Doch das Hirn ist ein Werkzeug und gestaltet sich mit jedem Gedanken neu, wir formen es, durch unsere Gewohnheiten und Denkweisen.

 

Der Wunsch nach objektiv Richtigem und Wahrhaftigem ist fraglos gegeben. Doch was, wenn es tatsächlich so weit käme? Objektivität wird hochgehalten, man hätte sich zu fügen, denn dies wäre objektiv wahr! Kein Wunder, dass die Hirnforschung boomt, denn hier hat die Philosophie ihre Wiege scheinbar gefunden. Mit der Philosophie auch unser Denken.

Wie steht es nun mit den Werten? Sie sind nicht in Stein gemeißelt, sie sind wandelbar, sie sind flüchtig. Also sind sie nichts wert, solange man nicht das Rückgrat-Gen findet. Das Ehrlichkeits-Gen und wie sie alle heißen mögen. Solange man diese nicht gefunden hat, sind diese Begriffe schließlich reine Illusion.

 

Das, was manche Menschen nicht verstehen, ist, dass alle sozialen Tatsachen so sein können, wie wir als Gesellschaft wollen. Nicht mehr und nicht weniger: Wie wir wollen.

 

 

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© Ina Seiser