Existenzielles zum Dessert

Das Abendessen war vorbei, die benutzten Teller abgeräumt. Zwei Gläser Wein standen am Tisch, die Wanduhr tickte, der Geruch von angeschmorten Zwiebeln lag noch in der Luft, zwei schwiegen. Sie starrte auf das einzige Gemälde an der Wand. Ein Stillleben. Ihre Körperhaltung spannte sich plötzlich an und sie fragte ihn:
„Was ist Freiheit?

Er war vertieft, blickte von der Zeitung nicht auf und sagte: „Wie bitte?“ Doch ohne eine Antwort abzuwarten, fügte er hinzu: „Es gibt da ab morgen ein tolles Angebot.“
Sie sah ihn immer noch fragend an. Er erhaschte diesen Blick von ihr, missverstand ihre Mimik und wollte damit beginnen, das Angebot zu zitieren. „Du kennst doch –“ Er schob ihr die Zeitung entgegen.

„Wir haben doch alles, was wir brauchen. Und ich habe dich gefragt, was Freiheit ist.“, erwiderte sie beharrlich. Er zog die Zeitung wieder zu sich. „Aber …“, doch er besann sich und sah sie kurz an. „Freiheit? Wie kommst du gerade auf die Freiheit?“
„Weil die Kunst frei ist“, erwiderte sie und sah wieder zu dem Bild.
„Ja, das haben die Menschen irgendwann beschlossen.“

Sie saß immer noch unbewegt, während das Ticken der Wanduhr fortlief. „Dann ist die Kunst nur frei, weil Menschen das beschlossen haben? Dann ist sie ja gar nicht frei, wenn sie davon abhängig ist, was die Menschen beschließen.“
Er überlegte kurz. „Solange die Menschen ihr diese Freiheit geben, schon.“
„Bestimmt denn einzig der Mensch, was frei ist und was Freiheit ist?“
Nach einem Moment der Stille gab er seufzend die Frage zurück:
„Was denkst denn du?“
„Findest du das Thema denn so unwichtig?“, sah sie ihn ungläubig an.
„Ich finde einfach, dass alles gut ist, wie es ist. Ich darf ja auch denken, was ich mag.“, erwiderte er, seinen Blick wieder auf die Zeitung gerichtet.
„Und was, wenn wir uns solche Fragen irgendwann nicht mehr stellen dürfen? Oder wenn uns jemand die Antwort auf solche Fragen abnimmt?“
„Du darfst dir jede Frage stellen“, wollte er sie beruhigen.
„Ja, ich darf mir jede Frage stellen, also auch diese“, konterte sie.
„Ja, dann ist doch alles gut. Du darfst, und die Kunst darf auch, alle sind frei, alles ist gut“, sagte er, ohne sie anzusehen.
„Darum geht es doch – die Kunst hat mit dürfen nichts zu tun! Kunst muss nicht, Kunst darf nicht, Kunst ist nicht irgendwie oder irgendwas – Kunst macht ihre Sache einfach trotzdem.“ 
Sie machte eine kurze Pause, dann fuhr sie leidenschaftlich fort: „Kunst ist mächtig. Genauso wie das Denken. Dass sie darf, ist nett, aber im Grunde nicht von Belang. Kunst wird immer einen Weg finden, solange es Menschen gibt, die sich an diesen grenzenlosen Freiraum erinnern.“
„Du redest doch von der Liebe, nicht von Kunst“, sagte er.
„Ich rede von der Freiheit und von Gesetzen, die etwas befreien, was man nie einsperren konnte. Dass man Kunst reglementieren könnte, ist eine Illusion. Für die Liebe gilt das auch, ja.“
„Es gibt aber viele Gesetze, die die Liebe betreffen. Die Ehe ist auch geregelt, und gleichgeschlechtliche Partnerschaften haben oft zu kämpfen. Homosexualität wird mancherorts als Verbrechen gesehen.“ Umständlich blätterte er um.
„Und ich glaube trotzdem, dass Gedanken, Liebe und Kunst frei sind, egal, was die Gesetze oder andere Menschen dazu sagen.“ Ihr Blick war wieder an das Gemälde an der Wand geheftet.
Er strich seine Zeitung zurecht, sah sie für einen Moment an. „Du darfst ja auch glauben, was du möchtest. Ich möchte dich nur darauf hinweisen, dass das, was du sagst, mit der Realität nicht übereinstimmt.“

Mit hochgezogenen Augenbrauen sah sie ihn an. „Ich darf? Welche meiner Freiheiten benötigt denn noch eine Bewilligung?“
„Okay, dann hast du eben das Recht zu glauben, was du möchtest. Das ändert nichts daran, dass in der Realität –“
„Die Realität ändert sich ständig. Und wie kann es denn sein, dass es bei uns ein Recht auf freie Meinungsäußerung, auf künstlerischen Ausdruck, ein Recht auf Glaubensfreiheit und ein Recht auf Privatleben gibt – und gleichzeitig redest du so beiläufig von dürfen? Eine Bewilligung haben für etwas ist ein grundlegend anderer Gedanke, als das Recht dazu zu besitzen.“
„Das Recht haben trotzdem Menschen beschlossen, also hat es uns irgendwann jemand gegeben.“
„Hat man natürlicherweise unteilbare Rechte oder weil menschliche Gesetze das beschlossen haben?“
„Ich bin kein Jurist, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich nicht weiß, worauf du hinaus möchtest.“
„Ich glaube,“ und sie sah wieder auf das Bild, „dass diese Freiheiten natürlich sind. Sie wurden nicht gegeben oder verliehen. Sie wurden erkämpft. So gesehen waren sie ein menschliches Bedürfnis und die Gesetze haben sich an dieses Bedürfnis gezwungenermaßen angepasst.“
„Na gut,“, sagte er lächelnd, „ich werfe dir den Fehdehandschuh hin. Hiermit bediene ich mich meiner Rechte und werde mich an der Pressefreiheit erfreuen.“

Sie riss ihren Blick von dem Bild los, kam wieder am Esstisch an, war ernst: „Ist das Thema denn so unwichtig?“, wiederholte sie mechanisch.
Er rückte seine Scheuklappen zurecht, nahm einen Schluck Wein und sagte achselzuckend: „Es ist ja alles gut.
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© Ina Seiser