Man weiß nie, ob ein Geschenk Freude machen wird.

Viele Augen schauen auf die aktuellen Nachrichten und manche Ohren wollen nicht mehr zuhören. Eine neue Weltordnung, ein neuer Frieden, eine – neue Normalität? Moment, hab ich mich in der Krise vertan? Nein, den Begriff habe ich neulich wieder gehört. Damals wie heute wirkt diese kurze Phrase auf mich wie eine Drohung. Ich habe den Eindruck, sie wirkt auch bei anderen so. Manche verfallen in Panik, andere entziehen sich den Medien, die nächsten beziehen eine eindeutige Position und selbst besonnene Charaktere wie ich beginnen zu begreifen, dass niemand rein Beobachter ist in dem Ganzen. Irgendetwas ändert sich bereits. Ich möchte diese Entwicklung als Chance begreifen.

 

Wo der Alltag mitunter regiert und man denkt: „Ich muss dies, dann muss ich das...“, bis man schließlich früh schlafen gehen muss, weil man muss ja früh aufstehen – gehen Gedanken über die Freiheit oder über Recht und selbst das Mitgefühl mit den Mitmenschen manchmal unter. Aber spürst du auch diese Unruhe? Ich spüre eine Unruhe, die selbst durch das Müssen dringt. Die mich fragen lässt: „Ich muss dies, ich muss das... Habe ich eigentlich eine Ahnung, was „müssen“ wirklich bedeutet?“

 

In diesem Umbruch kann und wird manches anders werden. Aber ich glaube, man verlässt eine Ordnung auch gedanklich nicht, ohne etwas mitzunehmen.

 

Manchmal fragen wir uns alle: Wer bin ich wirklich? Was ist mir wichtig? Wie möchte ich mit Diesem und Jenem umgehen? Wir finden uns selbst nicht ausschließlich, wir werden auch erst wir. Und Umbrüche kennen wir alle – zumindest im Kleinen. Das sind die Momente, in denen wir auf die Probe gestellt werden.

 

...und? Welche Werte, welche Strukturen, welche Konzepte, welche Charakterzüge schreien aus deinem Innersten, dass sie untrennbar mit dir verknüpft sind? Was geht mit, wenn du gehst?

 

Ich stelle mir ja dieser Tage wieder einmal die für mich brennendste Frage: Was ist mit der „systemirrelevanten“ Kunst? Was ist Kunst abseits des armen Künstlers, der auf Steuergelder, Förderungen und Wettbewerbe angewiesen ist? (Und nicht mehr geringfügig dazuverdienen darf, weil das System generell reformiert werden muss – stimmt – aber im ersten Schritt der Kunst die Lebensgrundlage zu entziehen, vermittelt eine Botschaft, die mich an „Hättest was g´scheits glernt.“ erinnert.)

 

Was hat dir Kunst je gegeben? Mich hat sie zum Staunen, zum Weinen, zum Lachen, zum Abshaken und zum Nachdenken gebracht. Sie hat mich dazu gebracht mitzufühlen. Kunst ist Leben! Kunst ist menschheitsimmanent. Kunst gehört zum Menschsein. Ob als jemand, der den Menschen Kunst schenkt (und dann auf Tournee muss, um auch Rechnungen bezahlen zu können) oder jemand, der Kunst streamt.

 

Selbst wenn ich zugegeben recht grausam Gitarre spiele, mein E-Piano nur klimpern kann und singen... Du hast mich vielleicht gehört, es gibt da eine Tonlage, die ist in Ordnung, aber, ganz ehrlich, ich bilde mir auf meinen Gesang nichts ein. Mein Medium ist die Schrift. Aber ich muss keine große, bekannte Künstlerin sein, um Kunst zu lieben. Ich muss auch keine international anerkannte Poetin sein, um Poesie zu schätzen. Nicht einmal, um sie fließen zu lassen! Gestern habe ich in meinem Tagebuch einen Satz aus 2024 gelesen, der mich sprachlos hinterließ:

 

Die Sonne bleibt mir.

 

Der Satz öffnet mir einen Raum, in dem ich auch einmal sein-lassen kann, inne-halten und nach-spüren kann. Was bleibt, solange ich bin? Was kann mir niemand nehmen?

 

Die Geschichte ruft dazu auf, über sich selbst nachzudenken. Zum Mensch-sein gehört aber nicht nur der Verstand. Wenn du diesen Ruf auch hörst, ist dieser Satz aus meinem Tagebuch mein Geschenk. Pack es aus, wenn dir danach ist. Das gute an Sätzen ist, dass man sie öfter auspacken kann und lustigerweise immer etwas anderes drin ist.

 

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© Ina Seiser