Drei Sonnen

Die Grenze zwischen Existenz und Nichts ist eine gerade Linie am Rande des uns bekannten Alls. Dorf befindet sich die Zwischenwelt, in die jeder von uns gelangen kann, wenn er das Nichts denkt. Sie sieht aus, wie eine kreisförmige Insel. Die existierende Hälfte des Kreises ragt ins All hinein, Sandboden wird von - wie Wasser wirkender - Frequenzen begrenzt. Die leblose Insel erhebt sich zur andern Hälfte in die Dunkelheit des Nichts. In unendlicher Fülle fließen die Frequenzen wie eine Sturzflut dort hin und werden wie von einem schwarzen Loch geschluckt. Drei Sonnen erhellen die Szenerie. Die Dunkelheit der Nichtexistenz wirkt so noch bedrohlicher.

 

Im finstersten Eck des elfenbeinfarbenen Palastes, in einem nassem, kalten Verlies, war Markus angekettet. Er hielt einen Spiegelsplitter in seinen Händen und versuchte Kontakt zu Elsa herzustellen. Immer wieder wiederholte er ihren Namen und langsam erkannte er in dem Nebel des Spiegelsplitters ihr Gesicht. „Elsa!“ Markus setzte sich auf. Seine Ketten raschelten, das alarmierte die Wachen vor seiner Zelle. Schnell legte er sich wieder hin. Mit dem Rücken zur Verliestür hielt er den Spiegelsplitter geschützt vor fremden Blicken. Da die Sagenwelt der Traumwelt nahe war, hoffte Markus in Elsas Unbewusstes eindringen zu können und ihr eine Nachricht zu schicken. Er wurde bei seinem Unterfangen jäh unterbrochen. Die zwei Diener Istars, die ihn schon zuvor aus seiner Zelle geholt hatten, um ihn zur Elfenkönigin zu bringen, kamen erneut und an seiner Verliestür wurde herumhantiert. „Steh auf, Mensch.“ hörte er einen von ihnen sagen, er hatte den Rücken zu ihnen gewandt. Er gehorchte und lies den Spiegelsplitter in seinem Hemd verschwinden. Wortlos ließ er sich zu Istar bringen und wehrte sich nicht. Das Fest war noch in vollem Gange. Trinkende, tanzende und ausgelassene Wesen aller Arten von Gattungen waren an einem Ort versammelt und feierten tosend den Erhalt dieses Steins. „Was es mit diesem Stein wohl auf sich haben mag?“ dachte Markus. Er würde es in Kürze am eigenen Leib erfahren.

 

Istar saß immer noch auf ihrem Thron. Ihre eiskalte Miene zierte jetzt ein siegessicheres Lächeln und immer wieder hielt sie den Stein für jedermann sichtbar in die Höhe und dies wurde mit Johlen und Zurufen begleitet. Markus wurde vor sie geführt. Istar nickte ihm zu und erhob sich umständlich in ihrem bestickten Kleid. Alle Anwesenden verstummten. Sie wussten, es war soweit. Istar richtete ihre Stimme an alle:

 

Mein Volk! Wie lange schon haben wir auf diesen Augenblick gewartet! Dies Fest soll ein Ausdruck der Freude sein, dass der unbewegte Beweger unser ist. Doch nicht nur das! Wir sind alle versammelt und gemeinsam werden wir eine neue Welt erschaffen!“

 

Die Reaktion der Anwesenden reichte von stillem Staunen bis zu hysterischen Beifallgeklatsche.

 

Markus! Lege mit mir deine Hand auf diesen so unscheinbaren Stein und lies, was darauf steht.“ Markus war skeptisch. Was passierte hier? Er stockte. „Lies!“ zischte die Elfenkönigin plötzlich. Eingeschüchtert tat er, wie ihm geheißen. „NICHTS IST UND DU.“ stand auf dem kleinen Stein eingeritzt. Nach diesen Worten blickte Markus zuerst die Elfenkönigin, dann die Umstehenden an und schaute in erwartungsvolle Gesichter. Doch Markus konnte nicht erkennen, dass irgendetwas geschehen wäre. Die Elfenkönigin wurde ungehalten. „Nochmal!“ „Nichts ist und du.“ Abermals geschah nichts. „Du liest es falsch!“ schrie Istar und klammerte seine und ihre Hände an den Stein. Markus erwiderte nun aufsässig. „Ich lese es nicht falsch, was soll dieser Hokuspokus hier überhaupt bewirken und was soll das überhaupt heißen? Nichts ist und ich.“ Der Stein wurde wärmer. Die eingeritzte Schrift begann zu glühen und als Markus von seinen Händen aufsah befand er sich und mit ihm die gesamten Wesen des Palastes auf einer sandigen Plattform, über ihm sah er drei Sonnen strahlen.

 

 

 

To be continued...

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© Ina Seiser